Die medizinischen Argumente ( contra )

Infektionen im Harnleiter-Trakt: Zwar ist das Risiko für solche Erkrankungen bei Beschnittenen tatsächlich minimal niedriger. Dagegen stehen jedoch die Risiken durch den medizinischen Eingriff selbst und daraus resultierende Komplikationen. Diese Gefahren sind um ein mehrfaches höher. Penis-Krebs: Diese Krebsart ist einerseits extrem selten, sie tritt bei 100.000 (nicht beschnittenen) Männern nur einmal auf. Zum andern scheint die Beschneidung hier wenig Wirkung zu zeigen. In den USA jedenfalls (wo etwa 80% derälteren Generationen bei den Männern beschnitten sind), tritt diese Krebsart wesentlich häufiger auf als in Dänemark, woBeschneidungen so gut wie gar nicht üblich sind. Bessere Hygiene und Schutz vor Ansteckung durch Geschlechtskrankheiten: "Niemand ist bisher auf die Idee gekommen, bei einer Nasen-Schleimhaut-Entzündung die Nase zu amputieren oder bei Fußpilz den Fuß medizinisch zu entfernen", machte sich der amerikanische Arzt Christoph Fletcher über dieses Argument lustig. Tatsächlich kann durch tägliches Waschen und Duschen der Intimbereiche solchen Ansteckungsgefahren hinreichend vorgebeugt werden. Auch das sogenannte "Smegma", das sich bei mangelnder Hygiene leicht unter der Vorhaut bildet (ein weißer, milchig-käsiger und unangenehm riechender Besatz) ist durch Waschen völlig unproblematisch zu entfernen.

Smegma
Die Vorhautinnenseite sondert ständig eine Flüssigkeit ab, die Mediziner als Smegma bezeichnen. Ärzte empfehlen daher, sich öfter als nur einmal am Tag unter der Vorhaut mit Seife zu reinigen. Das feuchtwarme Klima unter der Vorhaut bildet ein wahres Brutnest für Bakterien aller Art, deren Zersetzung schon nach wenigen Stunden einen üblen Geruch verursacht. Beschnitten ist es dort nicht nur nach dem Baden sauber, sondern rund um die Uhr smegmafrei. Ohne Vorhaut, kann sich nichts bilden oder darunter ansammeln!

 

Onanie-Verhinderung

Tatsächlich scheint es so zu sein, dass die medizinischen Gründe der Beschneidung in den USA vorgeschoben sind und eher der Sexualmoral entspringen: Kinder und Jugendliche, deren Vorhaut entfernt wurde, empfinden nicht bereits beim Berühren des Penis und einer leichten Verschiebung der Vorhaut sexuelle Reize. Dieser Hinweis hat einige Plausibilität, denn immerhin wurden in den USA noch Anfang dieses Jahrhunderts etliche Patente angemeldet für"Anti-Masturbations-Vorrichtungen" aus Drähten, Schnüren und anderen Gegenständen, die Jüngere wie Ältere davor schützen sollten, spontanten sexuellen Erregungen durch Onanie nachzugeben.

Der Eingriff

Bei der Beschneidung wird die Vorhaut, der vorderste Teil der äußeren Penis-Haut, die normalerweise ganz die Eichel bedeckt, weggeschnitten. Bei Neugeborenen ist der Eingriff in medizinischer Sicht noch relativ unproblematisch, da die Vorhaut noch nicht richtig entwickelt ist. Bei Erwachsenen ist die Vorhaut jedoch schon gut durchblutet und es können durch die Blutungen Komplikationen entstehen. Die Operation wird unterörtlicher Betäubung vorgenommen und dauert nur wenige Minuten. Zwarkönnen die Patienten danach wieder nach Hause gehen, die völlige Heilungdauert allerdings bis zu drei Monate.

Bis vor kurzem wurde auch die sogenannte "Phimose", eine Verengung derVorhaut, die sich nur mit Beschwerden oder gar Schmerzen zurückziehenläßt, routinemäßig durch Beschneidung ärztlich behandelt. In skandinavischen Ländern geht man andere Wege: Dort werden leichterePhimosen ausschließlich mit Salben und Dehnen der Vorhaut behandelt - mit großem Erfolg.

Testosteron

Der Frankfurter Facharzt für Allgemeinmedizin und Spezialist fürSexualtherapie, Haydar Karatepe, schreibt uns zu dieser Therapie-Form:

Die Methode ist nicht sehr neu. Aus Erfahrung weiß man, dass Testosteron lokal angewendet, in der Regel zu einer Weitung der Vorhaut führt.Problematisch ist das bei heranwachsenden Jugendlichen, denn durch übermäßiges Auftragen kann die Hormonkonzentration so hoch werden,dass das Körperwachstum zu früh abschließt. Testosteron schließt nämlich das Knochenwachstum ab. Folge davon ist dann eine zu geringe Körper-Endgröße. Weiterhin sind natürlich alle Folgen der Androgene(männliche Sexualhormone), wie Muskelwachstum (auch Herzmuskel, was später tödliche Folgen haben kann), Hyperagressivität, vermehrte Virilisierung (Vermännlichung) auch Erhöhung der Fettstoffwechselwerte mit einem höheren Risiko einer Arteriosklerose (Arterienverkalkung) und derdamit verbundenen Folge von Herzinfarkt und Gehirnschlag zu beachten. Das hört sich zwar alles sehr schlimm an, aber wenn die Testosteron-Konzentration gering gehalten wird und nicht über Monate behandelt wird, sind die Nebenwirkungen nicht so furchterregend. Wenn ein Arzt nur die Beschneidung durchführen will, und der Patient wünscht eigentlich keine Beschneidung, so sollte ein zweiter Arzt befragt werden. Grundsätzlich sind die Landesärztekammern bei der Suche nach Fachspezialisten behilflich. Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen haben entsprechende offizielle Arztlisten. ProFamilia und Männerberatungsbüros haben informelle Listen, anhand derer sie Ärzte empfehlen.

Haydar Karatepe, Facharzt für Allgemeinmedizin, Sexualmedizinisches Zentrum, Frankfurt am Main


Die Tradition

Die Beschneidung hat eine lange Tradition. Bereits im alten Ägypten wurde die Vorhaut männlichen Neugeborenen entfernt. Für die Hebräer war dies ein Akt, mit dem man seine Demut Gott gegenüber demonstriert. Und darüber hinaus war dies ein Reinigungs-Ritual: In den Regionen des Vorderen Orients herrschte nicht selten Wassermangel und eine Reinigung der Genitalien insbesondere unter der Vorhaut war schwierig. Die Beschneidung sollte so die hygienischen Probleme lösen.

Später wurde sie praktiziert, um die Zugehörigkeit zum Volke Israel zu bekunden.

Im alten Griechenland und auch im alten Rom hingegen gab es keine Beschneidung, im Gegenteil, man band die Vorhaut sogar mit einem kleinen Bändchen zusammen, damit die Eichel nicht zufällig sichtbar wurde. Bei Juden und Moslems ist die Beschneidung noch heute aus religiösen Gründen üblich.

Im Islam findet sie meist im Alter von 6 bis höchstens 12 Jahren statt. Zur Beschneidung, die erst seit kurzem von "Beschneidern" mit örtlicher Betäubung vorgenommen wird, findet ein großes Fest statt mit Tanz und Festessen und der beschnittene Knabe erhält großzügige Geschenke oder auch Geld.

Im Jüdischen heißt die Beschneidung "Brit Milah". Sie beruht auf der biblischen Überlieferung, dass Gott mit Abraham übereinkam, alle neugeborenen Söhne sollten an ihrem 8.Lebenstag (niemals früher) beschnitten werden. Die Beschneidung soll auch heute noch genau an diesem 8.Tag stattfinden, und zwar tagsüber und auch, wenn dies ein hoher jüdischer Feiertag ist. Die Zeremonie wird nicht in einer Synagoge, sondern zuhause oder in den Räumen eines Rabbi durchgeführt, der dafür die medizinischen und zeremoniellen Kenntnisse besitzt.


Potenz-Mythos

In nicht-jüdischen und nicht-islamischen Ländern führt ein Mythos nach wie vor dazu, dass sich erwachsene Männer noch die Vorhaut entfernen lassen, der Mythos vom größeren sexuellen Durchhaltevermögen. Durch die entfernte Vorhaut wird zwar tatsächlich die Eichel weniger gereizt. Ob dies jedoch ausreicht, um die sexuelle Ausdauer zu steigern gilt bei Wissenschaftlern als fragwürdig. Ganz billig ist das Vergnügen überdies nicht: Rund 800-1000 DM verlangen Chirurgen für den Eingriff - die Krankenkasse zahlt dies nur, wenn eine Phimose vorliegt, nicht zur angeblichen Potenz-Steigerung.




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